Freitag, 19. April 2002

Gelassenheit und Phantasie

SACHSEN-ANHALT * Ein Land mit bewegter Geschichte, die mehr erzählt, als das Gerede über die "rote Laterne" vermuten lässt

Augenzwinkernd singen die Prinzen: "Gott hat die Erde nur einmal geküsst, genau an dieser Stelle, wo jetzt Deutschland ist." Nun will ich nicht behaupten, dass Sachsen-Anhalt im Zentrum dieser liebevollen Zuwendung liegt, aber das larmoyante Gejammer über das Rote-Laternen-Land trifft die Wirklichkeit nicht unbedingt.

Kunstgebilde mit Geschichte

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lösten die Alliierten Preußen auf. Sie waren wohl nicht ganz zu Unrecht der Meinung, hier läge die Wiege der nationalistischen und militaristischen Traditionen der Deutschen. So entstanden aus ehemaligen preußischen Provinzen über Nacht neue "Nachkriegsländer". Keines davon allerdings sah sich aus unterschiedlicheren Regionen zusammengestückelt als Sachsen-Anhalt. Dessen Norden war einmal brandenburgisch, der Süden einst sächsisch, dazwischen lag das Fürstentum Anhalt. Aber so originell die Komposition so verschlungen das geschichtliche Wurzelwerk dieses Kunstgebildes. Gerade das prägt heute Vielfalt und Charme des Landstrichs.

An der Wende zum zweiten Jahrtausend entstand hier das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Die sächsischen Herzöge bestimmten von 919 bis 1024 den Verlauf der Geschichte im mitteleuropäischen Raum. Heinrich I. soll auch in Quedlinburg residiert haben. Längst gehört diese Stadt zum Weltkulturerbe - und in Magdeburg stehen Reste einer Kaiserpfalz, die unter Otto I. erbaut wurde.

Im äußersten Nordosten von Sachsen-Anhalt dominiert in Havelberg weithin sichtbar ein gewaltiger Dom die Gegend. Sein Vorgänger fiel 983 einem Slawenaufstand zum Opfer - damals eine Reaktion auf die aggressive Christianisierung und Germanisierung der slawischen Gebiete. Aber der Aufruhr war vergeblich. Gegen Ende des zwölften Jahrhunderts wurden in den alten Siedlungsgebieten der Slawen in jedem noch so kleinen Ort romanische Feldsteinkirchen als Trutzburgen des christlichen Glaubens errichtet. Sie säumen die legendäre Straße der Romanik, die sich wie eine Acht durch das ganze Land zieht. Später entstanden die gotischen Dome, allen voran der Magdeburger Dom, Halberstadt mit seinem Domschatz und Naumburg mit den Stifterfiguren.

Gut 500 Jahre nach dem Ottonenreich erschütterte die Reformation die Säulen der damaligen Gesellschaft. Am Ende war die Macht der Kaiser vergangen und die Einheit der Kirche zerstört. Die Fürsten strebten in jener Zeit nach Unabhängigkeit vom Kaiser. Bauernaufstände und rabiate christliche Revolutionäre rüttelten an den Grundfesten der Gesellschaft.

Der in Wittenberg residierende sächsische Kurfürst hatte in einem auch für diese Periode tristem Nest eine Universität gegründet, an der Augustinermönche lehrten. Einer von ihnen war Martin Luther - ein Kind der südlichen Region von Sachsen-Anhalt, in Eisleben geboren und gestorben, in Mansfeld groß geworden, in einer Kupferbauregion, deren Zeit erst 1990 endgültig zu Ende ging. Als er 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg schlug, war das der Funke, der in ein Pulverfass fiel und ein gschichtliches Beben auslöste. Wer nach Wittenberg kommt, stößt überall auf Bauwerke jener Zeit. In der Stadt träumt man davon, dass hier wieder ein geistiges Zentrum entstehen könnte.

Bis zur Erschöpfung tobten im 16. und 17. Jahrhundert die Religionskriege. 1631 versank Magdeburg in Schutt und Asche und verlor für immer an Bedeutung. Am Ende des 30-jährigen Krieges 1648 lagen weite Landstriche verwüstet da. Es vergingen Jahrzehnte, ehe sich neues Leben regte. Halle war eine der Städte Sachsen-Anhalts, die für das Erwachen standen. 1694 schon wurde die Universität gegründet. Pietismus und Aufklärung bestimmten das geistige und geistliche Leben der Stadt. 1698 errichtete August Hermann Francke die nach ihm benannte Stiftung, deren schönes Bauwerk den Zweiten Weltkrieg überstanden hat. Universität, Kunsthochschule, Theater, Händelfestspiele - das ist Halle. Nicht umsonst wird sie die Kunsthauptstadt von Sachsen-Anhalt genannt, sie wird weiter an Ausstrahlung gewinnen.

Industrie und Sozialismus

In der Ära der industriellen Revolution wurde der mitteldeutsche Raum zu einem Zentrum des Aufbruchs. Das Chemiedreieck entstand. Halle, Leuna, Buna, Bitterfeld - bedenkenlos wurden die selbstgewissen Symbole des Industriezeitalters ins Land gesetzt. Der Flugzeugbauer Junckers lebte in Dessau und Magdeburg wurde zur Stadt des Schwermaschinenbaus. Man hätte von einem Ruhrgebiet an Elbe und Saale reden können, hätte es da nicht auch Agrarier gegeben, die durch den Zuckerrübenanbau in der Magdeburger Börde reich wurden.

Das sozialistische Experiment zwischen 1945 und 1990 hat dieser Region aus unterschiedlichen Gründen manchen Schaden zugefügt. Die sowjetische Besatzungsmacht demontierte Betriebe und Eisenbahnlinien. Trotzdem stand am Anfang nicht das Jammern: Die Ostdeutschen improvisierten in der Mangelwirtschaft und erreichten einen vergleichsweise hohen Lebensstandard. Aber viele entzogen sich der weltanschaulichen Bevormundung, Hunderttausende verließen bis 1961 die Region - andere richteten sich ein. 1990 dann hofften die Ostdeutschen ohne Bruch in der Wohlstandsgesellschaft anzukommen. Ein fataler Irrtum, wie sich herausstellen sollte, denn eine in die Marktwirtschaft geratene Ökonomie war alles andere als die tragende Säule dieses Anspruchs.

Während sich Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie bald erholten, waren die Chemiestandorte in ihrer bisherigen Dimension nicht zu halten, fiel eine nach 1990 zunächst aufgeblähte Bauwirtschaft bald in eine schwere Rezession. Deindustrialisierung drohte überall. Zwar konnten die Buna- und Leuna-Werke mit ihren Kernabteilungen gerettet werden, aber die neuen Unternehmen boten weit weniger Arbeitsplätze als zuvor. Die Erwerbslosenzahlen blieben für Sachsen-Anhalt konstant hoch. An dieser Auszehrung industrieller Substanz vermochte die Politik in den vergangenen zwölf Jahren wenig zu ändern.

Was das Land braucht

Ob die Landesregierung nach dem 21. April nun von der CDU oder der SPD geführt wird, scheint auf einen ersten Blick nicht maßgebend zu sein. Der Umbau hin zur so genannten Informationsgesellschaft wird seine Zeit brauchen. Lösungen für den Arbeitsmarkt sind kurzfristig nicht in Sicht. Doch worauf ein neues Kabinett sofort Einfluss haben wird, das ist das öffentliche Klima. Ändern wird es sich auf jeden Fall, unabhängig davon, wer am Wahltag triumphiert. Sollten CDU, FDP und Schill-Partei eine Mehrheit verbuchen, stehen verschärfte Sicherheitsgesetze und der Abbau sozialer Standards in Aussicht. Kommt es zur Großen Koalition zwischen der CDU und einer SPD als Juniorpartner, droht den Sozialdemokraten möglicherweise eine Zerreißprobe. Wer sich in der SPD auf die so genannte Sanierungspolitik der CDU einlässt, würde im Grunde genommen unumwunden erklären, acht Jahre als Regierungspartei nichts als Unsinn getrieben zu haben. Dann darf vor allem die PDS als Oppositionspartei mit einer wachsenden Anhängerschar rechnen, während sich die CDU aus dem rechten Lager der Sozialdemokraten bedienen kann. Politische Gestaltungsräume bleiben der SPD nur, wenn sie mit der PDS koaliert. Das wird allerdings unmöglich, sollte die PDS mit einem höheren Stimmenanteil als die SPD einkommen. Die Sozialisten - im Osten zur Volkspartei geworden - verstehen sich als linke Reformkraft und wollen jetzt an der Macht teilhaben, nach acht Jahren Tolerierung eine nachvollziehbare Option. Der SPD könnte eine Beteiligung nur recht sein, denn sie müsste nicht mehr allein die Verantwortung tragen.

Die Partei Bündnis 90/Die Grünen wird auch bei einem Wiedereinzug in den Landtag, was nach letzten Prognosen wenig wahrscheinlich ist, kaum mehr Einfluss gewinnen. Ihre Kernthemen: Bürgerrechte, umweltgerechtes Wirtschaften und globale Gerechtigkeit stoßen in der Bevölkerung nur auf geringen Widerhall. Trotzdem stehen diese Fragen für Politikfelder, die ihre Zukunft noch vor sich haben. Es gibt das rettende Ufer - um es zu erreichen, braucht es Geduld, Gelassenheit und Phantasie.

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