Volksstimme, 10. März 2007

Zeit des Fastens

Wort der Woche

Mit Aschermittwoch beginnt das vorösterliche Fasten. Der Mensch zieht sich damit aus der Welt des Überflusses zurück und kehrt bei sich selbst ein. Menschen zu allen Zeiten haben auf bestimmte Speisen und Genussmittel verzichtet. Manche machen davon kein Aufhebens. Andere tragen ihren Verzicht wie eine Standarte vor sich her und wähnen sich im Lager der Gutmenschen angekommen. „Seht her“, lautet ihre Botschaft, „was sind wir doch für tüchtige Leute. Wir sind nicht abhängig von den Zwängen der Wohlstandsgesellschaft. Wir sind wie Leuchttürme in der Nacht. Kommt und folget uns nach.“

Aber schon die alttestamentlichen Texte der christlich-jüdischen Tradition kritisieren diese überhebliche Selbstdarstellung scharf. Der Prophet Jessaja lässt Gott sagen: „Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein... Wollt ihr das fasten nennen? ... Das aber ist ein Fasten, an dem ich Wohlgefallen habe ... brich dem Hungrigen sein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führ in dein Haus.“ (Jes 58.1-7)

Wenn eure Gesinnung sich nicht in eurem Tun widerspiegelt, bleibt ihr nur bei euch, so redet der Prophet über Jahrhunderte heute zu uns. Wer recht fastet, rühmt sich nicht seiner tadellosen Selbstdisziplinierung, sondern begibt sich auf den mühevollen Weg konkreter und vorbehaltloser Hilfe für andere. Das sei Nachfolge Christi, sagen die Christenleute. Das ist wahre Humanität, bekennen manche Konfessionslosen. Beide haben einen unterschiedlichen Ausgangspunkt, aber sie dienen einem gemeinsamen Ziel: Nämlich der Kritik des Zeitgeistes, der von vielen als unentrinnbares Schicksal wahrgenommen wird und dem Menschen gedankenlos folgen.

An einem Punkt möchte ich erläutern, wie mich der Zeitgeist in unserem Lande heute besonders erschreckt. Die Fremdenfeindlichkeit zieht immer weitere Kreise. Das Elend dieser Welt bedauern wir, aber die Elenden wollen wir nicht bei uns sehen. Dazu fällt mir ein Text aus dem 3.Buch Mose: „Wenn ein Fremdling wohnt in eurem Lande, dann sollt ihr ihn nicht bedrücken.“ (19.23) Der Ausländerhass ist in unserer nächsten Umgebung weit verbreitet. Wer dem öffentlich widerspricht, stößt auf offene und verborgene Ablehnung. Hingucken und wahrnehmen, was passiert und nicht wegsehen. Daran erinnert uns die vorösterliche Fastenzeit. Sie verweist auf den Weg Jesu zum Kreuz. Leiden an dieser Welt und nicht schweigen, das ist die Botschaft auf dem Weg nach Ostern. Wir alle kennen Zeiten, da wir diesen Weg verlassen haben. Aber Umkehr ist möglich.