18. September 2008

Leserbrief

Betr.: Ein populäres Fest mit populären Klischees?

Wenn wirtschaftliche Interessen am Luther-Tourismus den Politikern ein großer Auftritt zur Luther-Dekade wert ist und wenn die Evangelische Kirche diese Veranstaltungen nutzt, um vom Glanz Martin Luthers zu profitieren, dann droht die historische Wirklichkeit hinter fremden Interessen zu verschwinden.

Sicher, Luther leitete eine Zeitenwende ein, die dem Einzelnen gegenüber den Institutionen eine große Wertigkeit brachte. Das ist seine historische Bedeutung. Und doch war er zugleich der mittelalterliche Mönch, der streitend und verfluchend über alle herfiel, die seiner Überzeugung widersprachen. Er war ein schlimmer Antisemit, wie in seiner Schrift "Von den Jüden und ihren Lügen" nachzulesen ist. Hemmungslos stritt er gegen die damalige katholische Kirche und den Papst, zu betrachten in der Schrift "Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet". Die religiöse Bewegung der Erwachsenentaufe traf sein Bannstrahl. Man möge sie umbringen, war sein Fazit, denn sie verstoßen gegen die Lehre der Schrift (Bibel). Und im Blick auf die Bauernaufstände meinte er, ihre Niederwerfung sei Gottesdienst: "Drum soll hier zuschmeißen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann." Sein sprichwörtliches Obrigkeitsdenken zeigte sich in der Aussagen, der Christ solle Unrecht leiden, nicht aber gegen die Obrigkeit sich empören. Der zwiespältige Mönch aus Wittenberg sollte das Thema der Luther-Dekade sein, wenn man die Versöhnung mit anderen Kirchen fortsetzen und der Würde des Einzelnen gerecht werden will, wie sie in der Menschenrechtserklärung festgehalten wird.
 
Hans-Jochen Tschiche
Satuelle

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